Samstag, 6. Juni 2026
In Erinnerung. Die 'Geherin'.
der imperialist, 12:12h

Ich bin mit dem Rad alle Ecken abgefahren. Ich befürchte, sie, 'Die Geherin', wird mit ihrem kleinen Rucksack auf dem Rücken nicht mehr um diese Ecke biegen. Nicht in nächster Zeit. Aber vielleicht in einem anderen Leben. Schon letztes Jahr war sie nur noch Haut und Knochen. Aber anders als die Um2. Weit nach vorne gebeugt saß sie auf einer Bank und las ein Buch.
Woraufhin ich mir dachte, als ich an ihr vorbeiradelte: Weiter schafft sie es womöglich nicht mehr. Aber vielleicht ist das Lesen ein ewiger Jungbrunnen. „Aber nicht das Lesen deiner Texte“, unterbricht mich der Wortmacher. Dieser dumme Wixxer hat überhaupt kein Taktgefühl.
Mich treibt eine seltsame Eigenschaft um: Ich freue mich, gewisse Menschen einfach nur zu sehen. Dass sie einfach auf der Welt sind und ihr Ding machen. Ich will diese Menschen auch nicht näher kennenlernen. Ich freue mir einfach, sie leben zu sehen. Und „ihr Ding machen“, wie man heute sagt. Es reicht mir völlig, wenn sie irgendwann überraschend um eine Ecke biegen. „Der biegt sich jetzt sein Leben zurecht“, redet der Wortmacher dazwischen – wie einst Kinder, die auf keinen Fall dazwischenreden sollten, wenn sich Erwachsene untereinander unterhalten. Miteinander natürlich auch.
Das ist mein erweiterter Miteinander-Begriff: miteinander einen Raum teilen. Einen Lebensraum. Es muss da auch nicht persönlicher werden, weshalb man sich an den Details einer Person abarbeitet die man kennengelernt hat. An den charakterlichen Seltsamkeiten der anderen Person und den eigenen. Die sich dann irgendwie ineinander verstricken. Oft so verhängnisvoll, dass man sich dann wieder angewidert voneinander wieder abwendet. Weil der Zauber der ersten Momente verflogen ist. Das auch ja. Oder weil man ein egozentrisches A******** ist. Eines das man formals nur hatte. Es kann aber auch ganz anders sein.
Obschon ich mir gestern dachte: Wenigstens einmal hätte ich doch zur „Geherin“ sagen können: „Schön, dass Sie wieder unterwegs sind. Schön dass Sie wieder um die Ecke biegen." Irgendetwas aus dem „Schön dass es sie gibt Kitsch." Aber bei diesem Kitsch geht es ja immer darum dass die andere Person für einen irgendwie verfügbar ist. Genau das möchte ich nicht haben. Es langt wenn wir uns einen Raum teilen. Einen Lebensraum. Einen Lebensweg den wir hin und wieder kreuzen.
Wie mit dem Radl-Hermann? Wer hat das jetzt gedacht und wer hat das jetzt gesagt. Dieser Großmeister der Finsternis kann hier nicht das letzte Wort haben.
Das hat Die 'Geherin'. Vielleicht biegt sie doch noch um die nächste Ecke oder sitzt auf einer der Bänke, mit einem Buch in der Hand. Wieder gut bei Kräften. Bücher können ja ein Lebenselixier sein kann. Sagt man. Heißt es.
„Meinst du, mein Stolz bricht mir das Genick?
Kommt dir das etwa ungelegen?
Dass ich so lache, als hätte ich
Eine Goldmine im Garten liegen?
(...)
Du kannst mich mit deinen Worten beschießen,
(...)
Doch wie die Luft werde ich mich erheben.“
(Maya Angelou)
Ende
Geh. Die 'Geherin' geht einfach nur woanders wieder ihre eigenen Wege.
... comment