Donnerstag, 4. Juni 2026
Einer der letzten alten Eingeborenen von der 🏝️
Ich kenne den B. seit vielen Jahren. Als wir uns kennenlernten – besser gesagt und bekannt machten – war er noch in seinen Fünfzigern und ich in den späten Dreißigern. Er wohnt auch im Hood. Und so läuft man sich immer mal wieder über den Weg im Hood. Auf der Insel sowieso. Der B. gehört auch zu den Eingeborenen auf der Insel, gewissermaßen zum Inventar. Beste Kumpels sind wir nicht. Dazu sind wir zu verschieden. Aber wir haben keine Berührungsängste. Sagt man das so? Wir werden beide nicht von Standesdünkel angeleitet. Wie auch. „Ihr seid ja beide der niederste Stand“, bespaßt mich der Wortmacher. Elite sind wir nicht. Das stimmt.

Natürlich duzen wir uns. Auf der Insel duzen wir uns alle, die dort des Öfteren ihren sterbenden Kadaver ins grelle Licht der Sonne halten, die uns alle ruiniert. Selbst jene mit Lichtschutzfaktor 50. Irgendwann wird die Sonne alles niederbrennen. Wenn ihr nicht der bekloppte Putin zuvorkommt. Oder der Trump mit dem Netanjahu im Schlepptau. Oder die bekloppten Revolutionsgarden des Iran. Die haben diese Woche einen Menschen in Kuwait ausgelöscht. Dutzende wurden verletzt. Das ist Taktik. „Trianguläre Zwangsausübung“ (Triangular Coercion). Anstatt den militärisch weit überlegenen USA direkt auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten, nutzt Iran das Konzept der dreieckigen Nötigung. Dabei wird ein verwundbarer Dritter angegriffen, um Hebelwirkung auf den Hauptgegner zu erlangen.

Diese Taktik der asymmetrischen Kriegsführung ist so alt wie der B. Der ist jetzt 79 Jahre alt. Nur a seichter Schmäh. Der blieb mit seinem E‑Bike bei mir stehen und nach längerer Zeit plauderte er wieder mal aus dem Nähkästchen. Er sei total erledigt gesundheitlich. Das verfluchte Alter. Das übt auch indirekt Pressure aus wie der Iran auf die Anrainerstaaten am Golf, um so von den USA Zugeständnisse in den Friedensverhandlungen zu erzwingen. Siehe auch die Straße von Hormus – wo gefühlt fast jedes Schiff durch muss, diesem Nadelöhr unseres Wohlstands. Österreich hat schon wieder Inflation 3,7 %. Mit iranischen Machthabern verhandeln soll schon einige westliche Diplomaten ganz nah den Wahnsinn gebracht haben. Die beherrschen die Taktik des Verschleppens besser als andere. Bis auf die Russen, die haben tausende ukrainische Kinder verschleppt.

Letztens haben sie in unseren Medien darüber spekuliert, wer von unseren Politik‑Granden mit Putin verhandeln könnte. Einigermaßen auf Augenhöhe. Namen wurden gewälzt: die Ex‑Kanzlerin Merkel, der frühere EZB‑Chef und italienische Ex‑Premier Mario Draghi, sowie der finnische Ex‑Präsident Sauli Niinistö, lange Zeit Putins bevorzugter Gesprächspartner. Was reichlich absurd war, da keiner der genannten Personen aktuell irgendeinen Gesprächskanal nach Moskau hat. Oder doch. Natürlich war der Ex‑Kanzler Schröder auch im Gespräch. Das der B. und ich führten.

Gesundheitlich ist er total erledigt. Zuerst hatte er mal eine Rücken‑OP. Aber nicht direkt die Bandscheiben, sondern irgendetwas mit den Lendenwirbeln. Die mussten fest verschraubt werden. So ganz genau konnte er mir das jetzt nicht erklären. Der B. hat zur Sprache noch weniger Zutrauen wie ich. Wirbelgleiten im unteren Lendenbereich – instabiler Wirbelbruch im unteren Lendenbereich – instabile Spinalkanalstenose? Irgendwas mit Instabilität wird es schon gewesen sein. Er zeigte mir extra ein Röntgenbild, das er auf seinem old‑fashion Handy gespeichert hat. Er hat auch ein nagelneues Smartphone zu Hause. Aber damit kennt er sich nicht aus. Deswegen fragte er mich, ob ich ihm da weiterhelfen könnte mit seinem Smartphone. „Ein Depp wie du“, brüllte der Wortmacher. Natürlich kann ich ihm in dieser Sache weiterhelfen. Im September dann.

Schwere Dinge kann er jetzt nicht mehr heben mit seinem Kreuz und den spindeldürren Armen. Woraufhin ich blödelte: „Eine dezente Altherren‑Nudel fällt ja eh nicht mehr so ins Gewicht.“ Mit dem B. kann man so ohne Weiteres sprechen. Er empfindet das nicht als anstößig oder altersdiskriminierend. Diskriminiert fühlt er sich schon. Aber eher vom Alter und nicht von meinem Gerede.

Der B. hat noch jede Menge Oldschool‑Tätowierungen. Die Motivlage ist bei Oldschool noch eine andere. Bevorzugt wurden einst Pin‑up‑Frauen, nackte oder halbnackte Frauen, Anker‑Motive. Unter seinem Bauchnabel steht unübersehbar „Spielzeug“, mit zwei Pfeilen, die nach unten zeigen zu seiner Altherren‑Nudel. Das wäre was für die wunderbare Spiegel‑Journalistin Anja Rützel. Die dekonstruiert uns Deppen, bis wir so nackt dastehen wie der Kaiser ohne Kleider. Und?, meldet sich sogar mal die Bildmacherin zu Wort. Das Spielzeug ist eh kaputt. Kein Grund zur Aufregung. Wo ist das Problem? Na, das Alter ist das Problem.

Jetzt würde B. sein Prostataleiden passen. Er kann ja kaum noch brunzen, mit seinen eigenen Worten gesprochen. Selbst mit Medikamenten tröpfelt es eigentlich nur noch. Es ist eine Schande. Aber das sagte der B. so nicht. Auch das mit dem kaputten „Spielzeug“ fiel natürlich nicht. Einmal mussten sie ihn sogar ins Krankenhaus bringen, weil er zwei Tage nicht richtig schiffen konnte. Er hatte schon eine riesige Wampe. Im Krankenhaus mussten sie ihm einen Katheter legen und so zwei Liter angestauten Urin ableiten. Eigentlich hätte er schon längst an der Prostata operiert werden sollen, aber zuvor hatte er noch einen Herzinfarkt dazwischen. Deswegen haben sie ihm einen Stent gelegt. Jetzt geht’s wieder so halbwegs. Nur vertragen sich seine Blutverdünner irgendwie nicht mit der Prostata‑OP.

An der Stelle wurde sein Bericht aus der Akademie für den Verfall a bissl schwammig. Seine Herzsituation passte noch nicht ganz zu seiner Unterleibssituation. Im Herbst soll es aber so weit sein. Eigentlich hat er ja Blutniederdruck und nicht Bluthochdruck. Trotzdem waren seine Arterien verkalkt. Dabei raucht oder säuft er seit Jahrzehnten nicht mehr. Der B. ist ja trockener Alkoholiker. Mit 55 ging er zum Entzug nach Kalksburg, ins Anton‑Proksch‑Institut (API) in Wien‑Kalksburg. Seitdem ist er trocken. Guter Mann.

Das Cholesterin ist auch zu hoch, und insgesamt muss er dreizehn verschiedene Pulver nehmen. Ins Detail ging er nicht. Vermutlich, weil er selbst nicht mehr genau sagen kann, wofür jedes einzelne Medikament gedacht ist. Er sagt zu Medikamenten oder Tabletten immer Pulver. 13 verschiedene Pulver. Gesundheitlich sei er total erledigt. „Mich halten ja nur noch die Pulver am Leben“, sagte er sichtlich getroffen und angewidert. Der Lebensekel schlug bei ihm in diesem Moment voll durch. Der Verfall kann einem die Laune so richtig vermiesen. Nix als Krisen.

Ich wusste nicht, was ich darauf spontan antworten sollte. Zwar führe ich auch mit dem Goadfather altersbezogene Unterhaltungen. Aber der Goadfather benötigt keine 13 Pulver. Das lässt mir Spielraum. Schon lacht der Wortmacher. Spielraum. Sehr lustig. Seit wann ist das Alter ein Spiel. Wir spielen doch alle unsere Rollen. Bitte nicht jetzt. Das Leben ist kein akademischer Diskurs.

Alte Menschen sind am Land viel fitter als die Alten in Wien. Das ist keine Theorie, sondern eine Tatsache. Die werken noch im hohen Alter am Haus und im Garten herum, und das hält sie irgendwie fit. Siehe die Um2. Unglaublich, wie fit die ist für ihr hohes Alter. Die hinkt auch beim Gehen nicht wie du. Der Wortmacher. Persönlicher wurde es nicht im letzten Herbst.

Und ich Depp bin in die Täterrolle geschlüpft. „Was ist, wenn die Frau Angst vor mir hat?“, sagte ich zum Goadfather. Oder wenn sie sich unwohl fühlt, weil ich zwei Tage lang ihre Terrasse in Beschlag nehme. Daraufhin wollte der Goadfather bei der Um2 erst einmal nachfragen, wie sie das sieht, wenn ich zu Besuch komme. Ob sie damit auch einverstanden ist. Und? Wie und? Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Der Goadfather hat kein Wort mehr darüber verloren. „Weil du in der Kernzone der Idylle eben nichts verloren hast“, legt der Wortmacher nach. Genau. Und so sind auch die dreißig Jahre zusammengekommen.

Ich kann mich doch nicht selbst einladen. So etwas mache ich nicht. Ich bin ein Kleinstbürger. Schweigen ist auch immer eine Art, „Nein“ zu sagen, ohne es auszusprechen. Ich bin auch nicht bereit, sein Schweigen in irgendeine Richtung neu zu vertonen und wieder und wieder nachzufragen, um so gewisse Missverständnisse auszuräumen. Was ist jetzt? Bin ich jetzt willkommen in eurem trauten Heim, das Kind in mir ganz allein, im Krankenhaus auf dem OP‑Tisch.

Eine Krankenschwester war richtig nett zu mir, während ich da lag und auf den Oberarzt warten musste. Nicht so wie mein Erziehungsbevollmächtigter, der mich mit demonstrativem Schweigen bestrafte. Auf der Hin‑ wie auf der Rückfahrt aus dem Krankenhaus. „Weil sie sich für dich schämten.“ Ja, was sonst. Und die Prügel, die ich bezogen habe wie andere Essensgutscheine, waren auch gerechtfertigt. Ich hätte ja nicht wie ein Ochse vor Schmerzen brüllen müssen. © Der Goadfather.

Aber das habe ich dort erst getan, nachdem der wieder mal Nägel mit Köpfen aus meinem Leben machen wollte. Was er letztlich auch tat. Genau. Das hat sich im Alter nicht geändert. Und die Um2 ist halt die Um2. Zeitlebens hatte die schon zum Unkraut in ihrem Garten ein innigeres Verhältnis als zu mir. So kann man es auch sagen. Die Frau schaut aus wie eine Marathonläuferin. Oder eine Radrennfahrerin nach dem Giro. Ich tippe so auf 45 bis 47 kg bei 169 cm.

„Scheiße“, antworte ich in der Sache B. seinem Verfall. „Einfach weitermachen, solange es noch geht bei dir, oder? Noch bist du in Freiheit. Noch radelst du mit deinem E‑Bike über die Insel und kannst da und dort am Ufer sitzen. Das ist nicht nichts. Das ist wesentlich besser, als im Pflegeheim aus dem Fenster zu starren.“ Da stimmte er mir zu.

Dann erzählte er mir noch, dass er acht Jahre eine Frau hatte. Die hat ihn unlängst verlassen. Mit 81. Für einen 82‑Jährigen. „Wer macht denn so etwas Blödes?“, regte er sich auf. „Und was ist der Grund?“, fragte ich nach. „Der hat einen Schrebergarten.“ Da musste ich lauthals losbrüllen.

Im Herbst steht also die Prostata‑OP an. Damit er fit ist für den Winter. Seit 20 Jahren fliegt er im Winter immer drei Monate auf Gran Canaria. Begonnen hat er mit einem Monat. Der Winter auf Gran Canaria hält ihn am Leben. Gran Canaria ist sein Lebenselixier. Das Klima tut ihm auch gut. Hier geht’s ja total auf die Knochen im Winter wegen dem nasskalten Wetter, das ist doch die totale Scheiße. Schon beim Sprechen über Gran Canaria kurbelt er seine müden Lebensgeister an.

Naturgemäß regte er sich auch über die vielen Kanacken in der Stadt auf. Das machen in Wien inzwischen so ziemlich alle, die mit dem humanitären Völkerrecht nicht im Detail vertraut sind, mit den Genfer Flüchtlingskonventionen, mit dem EU‑Asylrecht (Dublin, Aufnahmerichtlinie, Qualifikationsrichtlinie) und dem Non‑Refoulement‑Gebot. Genau. Das besagt: Kein Mensch darf in ein Land zurückgeschickt werden, in dem ihm Verfolgung, Folter oder andere schwere Gefahren drohen.

Selbst die neuen EU‑Asylregeln ändern am Non‑Refoulement‑Gebot nichts. Sie verändern nur die Verfahren, nicht den völkerrechtlichen Schutz selbst. Also da kann man jetzt auch anderer Rechtsansicht sein. Die Frage, ab wann eine Abschiebung dieses Gebot verletzt (z. B. bei Abschiebungen in Drittstaaten), ist genau der Punkt, an dem die Rechtsansichten in Europa massiv auseinandergehen.

Die neuen EU‑Asylregeln verschärfen genau diese Grauzonen: Sie ändern das Völkerrecht nicht, aber sie verschieben die Praxis, mit mehr Grenzverfahren, mehr „sicheren Drittstaaten“, mehr Schnellprüfungen, mehr haftähnlicher Unterbringung und mehr Verantwortungsauslagerung an Nicht‑EU‑Staaten – und genau an der Frage, ab wann eine Abschiebung dabei das Non‑Refoulement‑Gebot verletzt, gehen die Rechtsansichten in Europa inzwischen weit auseinander.

Was ist ein sicherer Drittstaat? Die einfache Erklärung: Ein sicherer Drittstaat ist mit Sicherheit ein Staat, der sehr weit weg ist. So viel ist sicher. Quelle: Der Schizophrenist.

„Die Kanacken brauchen nur ‚Hilfe‘ brüllen und der blade Bürgermeister steckt es ihnen hinten und vorne hinein. Syrer, Afghanen. Was für ein Gsindl. Na wie heißt der Blade?“ – „Ludwig“, antworte ich.

In B. seinem Gemeindebau, der zahlt für 37 m² 180 Euro Miete (kalt – glaube ich), fünf Stockwerke, gibt es nur noch zwei Einheimische mit Stammbaum. Bei ihm im Bau brauchst du 20 verschiedene Dolmetscher. Wie Babylon.
Der B., der sich schon mit seiner Muttersprache schwer tut beim Erzählen, obschon er immer wieder eine kurze Erzählung mit den Worten „Jetzt erzähl ich dir mal was“ beginnt, kommt sich in seinem Bau inzwischen wie ein Aussätziger vor.

Neben ihm im Stock wohnt eine Türkin. Seit 30 Jahren sind die jetzt schon Nachbarn. Die soll inzwischen schon drei Wohnungen haben, die zusammengelegt wurden. Drei Wohnungen hat die. Sowas gibt’s in der Türkei nicht. Da legt der Erdoğan keine drei Wohnungen für sie zusammen. Erdoğan sagt er natürlich nicht. Der Erdoğan – der kann – auch die CHP zerschlagen.

Ihm haben sie auch einen Brief geschrieben. Er hätte seine Wohnung ebenfalls vergrößern können; da gab es einen weiteren Raum. Den Umbau hätte die Stadt gezahlt. Wollte er aber nicht, weil der Zins gestiegen wäre. Aber über die Drei‑Wohnungen‑Türkin regt er sich trotzdem auf? Ja. Man muss die Dinge nicht differenziert betrachten.

Bei der bekommt er sogar Blutdruck. Die grüßt ihn nämlich seit 30 Jahren nicht. Seit 30 Jahren leben sie nebeneinander, Tür an Tür, und grüßen sich nicht. Die fährt mit ihm nicht einmal gemeinsam im Aufzug. „Besser alleine“, soll sie zu ihm gesagt haben. Diese blöde Sau, so eine alte, selten blöde Sau, ärgerte er sich über diese offensichtliche Zurückweisung durch eine Türkin. Das war ihm zu viel. „Die fährt nicht mal mit mir im Aufzug. Lieber allein.“
Und dann beklauten irgendwelche asozialen Syrer oder Afghanen noch einen alten Mann im Rollstuhl. Der soll 91 sein und total erledigt. „Wer macht denn so etwas?“, regte er sich auf. „Abschaum ist das. Alles Abschaum. Der letzte Mist, den sie uns da vor die Haustür schaufeln.“ Ich fragte nicht mehr nach, ob er das aus der Zeitung hat oder nur vom Hörensagen. Es hätte nichts geändert.

Irgendwann sagte ich dann doch zu ihm: „Nix für ungut, aber dir hängen links und rechts bei der Badehose die Eier raus.“ Darauf antwortete er: „Das ist mir wurscht.“ Worauf ich lauthals losbrüllte vor Lachen. Diese Badehose hatte er schon, als ich in den Vierzigern war.

Ende

Nachtrag: Zucker. Zucker hat er auch. In Wien hat man im Volksmund Zucker und nicht Diabetes.

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