Dienstag, 29. September 2026
Wenn der Rauchfangkehrer nicht einmal klingelt.
​¡Madre mía!
​
Es gibt Momente.
Im Leben fügt der Wortmacher an.
Gibt's auch Momente außerhalb des Lebens, frage ich mich daraufhin.
Eine Antwort muss ich leider schuldig bleiben.
Und mit Schulgefühlen kenne ich mich ganz gut aus.
Die guten Gefühle gehen, die Schuld bleibt.
Weil: Das ist alles ganz allein deine Schuld.
Genau.
Schuldig im Sinne der kleinbürgerlichen Matrix.
Ich schlafe eher spät ein.
Mein Biorhythmus.
Der hat sich seit der Zeit in der Nachtschicht ein wenig verändert.
Wie du dich nach den 30 Jahren mit der „Vierer-Bande“.
Das interessiert niemanden.
Ich habe da noch einen Text von letzter Woche.
Da betrat ich um 12:01 Uhr das Arztzimmer von meinem Nervenonkel und um 12:05 Uhr war ich wieder draußen.
„Das haben Sie jetzt davon, nix Gescheites gelernt zu haben“, sagte ich zu ihm. „Jetzt müssen Sie sich mit mir auseinandersetzen.“
Mein Nervenonkel nimmt meine Sprüche sportlich.
Wir machten dann noch schlohweißen Bart bei ihm und Verfolgungswahn und Stimmen bei mir.
„Geh, das ist doch alles nicht der Rede wert“, sagte ich zu ihm. „Das bisserl Selbstauslöschung. Ich bin ja in echt kein Jan Palach.“
In Wahrheit ist das ein schwieriger Moment für Psychiater und Patient.
Worauf ich im Text von letzter Woche ausführlicher einging.
Was willst Du darauf antworten?
Ich will nicht in die Klapse zur Humanistata.
Die kommt einfach nicht und nicht mehr auf die Beine.
Weil es schon wieder einen industriellen Massenmord gibt.
In der „New York Times“.

​Der Unterschied zwischen der in der Komödie „Checkout“ dargestellten Praxis und dem unerbittlichen, unerträglichen Grauen, das in „NAZA“ geschildert wird, liegt im Ausmaß. Mittlerweile hat das Ganze industrielle Dimensionen angenommen. Genau das macht es zu einem Völkermord. Die Sachlage ist tatsächlich so eindeutig – und womöglich ist das der Grund, warum die Macher von „NAZA“ dieses Wort nur ein einziges Mal verwenden mussten. Quelle: 📰 / Meinung / M. Gessen.

​Dieser Meinungsartikel beginnt so:
Falls Sie schon einmal von „NAZA“ gehört haben – der neuen Dokumentation über den Gaza-Krieg –, dann womöglich davon, dass Premierminister Benjamin Netanjahu derart empört darüber war, dass er ein Gesetz vorgeschlagen hat, um den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Man könnte also annehmen, dass sich der noch nicht veröffentlichte Film um ihn dreht. Oder vielleicht um das Leid der Palästinenser – mit zahlreichen Bildern von blutigen Leichen, weinenden Kindern und hungernden Familien.
​Doch dem ist keineswegs so. Der Film besteht fast ausschließlich aus ruhigen Interviews mit israelischen Militärangehörigen und Soldaten, die nachts auf den Dächern von Tel Aviv vor der Kulisse austauschbarer Glas-und-Stahl-Hochhäuser aufgezeichnet wurden.

​Gessen klingt wie Hessen.
Das kaum betroffen war von den ganz fetten Konzentrationslagern unter den Nazis.
Das KZ Dachau lag in Bayern, das KZ Buchenwald in Thüringen und das KZ Sachsenhausen in Brandenburg.
Aber das ist lange her.
München ist die offizielle deutsche Bewerberstadt für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036.
Die Zeit bleibt nicht stehen.
Nur die Uhr.
​Im Haus der Um2 bespaßt mich der Scheißhausdämon.
Da ist für dich die Zeit auch stehen geblieben.
Also kann die Zeit doch stehen bleiben?
Nein. Die Erinnerung ist es.
Als ob sie sich in einem Moment festgetackert hätte, aus Angst, sonst zum Schiffbrüchigen zu werden im endlosen Meer der Erinnerungen.
Ich habe also einen anderen Biorhythmus.
Manchmal dauert es ewig, bis ich endlich einschlafe.
03:00 Uhr ist keine Seltenheit.
Trotz allerlei Tabs.
Heute am Morgen riss mich ein lautes Hämmern gegen meine Wohnungstür aus dem Schlaf.
Ich guckte benommen auf den Wecker.
07:45 Uhr.
„Scheiße, wer ist da?“, brüllte ich.
Wie der Titel es ankündigt.
Es war der Rauchfangkehrer.
Der wollte seinen Job machen.
Alte Häuser haben eine Seltsamkeit.
Das Kaminloch ist da in der Nachbarwohnung.
Angeblich nennt man dieses System einen Hinterladerofen, da der Kachelofen nicht von der Vorderseite im Wohnraum, sondern von der Rückseite, meist aus dem Flur, befeuert wurde.
Diese Bauweise hielt den Wohnraum sauber und erlaubte es Dienstboten, Holz nachzulegen, ohne den Raum zu betreten.
Dass die Feuerungstür heute beim Nachbarn liegt, kommt von späteren Altbau-Teilungen, bei denen der frühere Befeuerungsgang einer anderen Wohnung zugeschlagen wurde.
Und ich bin der Nachbar vom alten Russen ✝️ und seiner Frau.
​Die heizen noch Old-School-mäßig.
Also sie. Er ist ja nicht mehr.

Der Rauchfangkehrer wollte also nur seinen Job machen und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten.
Die Tabs, der Kreislauf, vom Werden und Vergehen.
Der auch.
Die Stimmung hinter meinem Bett war a bissl angespannt.
Keine Ahnung, ob mich der Rauchfangkehrer richtig verstand.
Es war nicht er oder ich.
Es war die Situation, die schwierig war.
Das passte im Moment einfach nicht.
Schlaf du einmal nur ein paar Stunden schwer auf Tabs und dann reißt dich ein ohrenbetäubendes Hämmern aus der Bewusstlosigkeit.
Der Rauchfangkehrer war auch ein Schrank von einem Kerl.
Der hätte mich zusammengefaltet und ins Kaminloch stecken können, falls ich völlig die Fassung verliere und beginne herumzubrüllen.
Dazu war ich eh nicht imstande.
​Und was ganz typisch für solche Situationen ist:
Es kommt richtig dick.
Das Kaminloch hinter meinem Bett war bis Unterkante Oberlippe voll mit Ruß.
Der Rauchfangkehrer hatte zuvor noch ein wenig Hoffnung verbreitet.
Nach der Devise: Die Krise. Die auch.
„Wird schon nicht so voll sein, das Kaminloch“, durch das die Würmer der Vergänglichkeit kriechen und die Raum-Zeit ganz durcheinander bringen.
Das sagt er natürlich nicht.
Den Teil nach dem Komma.
Er fragte nach einem Sackerl.
Ich gab ihm ein Obstsackerl, nichtsahnend.
Das war aber ein wenig spartanisch, befand der Rauchfangkehrer lakonisch.
Also gab ich ihm ein 35-Liter-Mistsackerl.
Das langte auch nicht.
Worst Case also.
Er fragte mich dann auch noch nach einer Schaufel.
Ich, total neben mir stehend, in der Unterhose, gab ihm den kleinen Besen.
„Das ist ein Besen und keine Schaufel.“
„Wenn Sie meinen?“
„Nur a Schmäh“, schob ich nach.
Der Rauchfangkehrer fragte dann nach einer alten Zeitung.
Ich hatte noch alte Zeitungen hier.
Also aus der Corona-Zeit, als die Delta-Variante noch die Ansage machte.
Da titelte Die Presse:
Was die Delta-Variante so gefährlich macht:
Die zunächst in Indien entdeckte Mutante ist ansteckender als bisherige Varianten und entzieht sich effizienter der Immunantwort. Zudem verursacht sie andere Beschwerden. Zweifach Geimpfte sind aber verlässlich geschützt.
Der ist gut.
Verlässlich geschützt.

Jetzt muss der Rauchfangkehrer auch noch zu seinem Auto runter gehen und eine Schaufel holen.
Ich hätte ihn jetzt auch fragen können, warum er völlig nackt kommt, ohne sein Rauchfangkehrerzubehör.
Dazu war ich aber nicht imstande.
Aber was ich dann tat, während ich auf den Rauchfangkehrer wartete:
Ich dachte an den alten Russen.
Und dass in diesem Kaminloch irgendwie auch seine Asche liegt.
Und die gehört eigentlich da raus.
Sonst bleibt der alte Russe ewig in einer Zwischenwelt gefangen.
In einem fremden Land, in dem er nie angekommen war.
Ja, ich bin so bekloppt.
Das sind meine Schuldgefühle.
Die habe ich selbst dem alten Russen gegenüber.
Ich sah ja, dass es ihm schlecht ging, und habe nichts unternommen.
Das schulde ich ihm, dachte ich mir.
Das sein verstorbener Geist frei sein kann.
Seine Witwe soll anständig heizen können in diesem Winter.
Das ist das Mindeste, was ich tun kann für den Geist vom alten Russen.
Der Rauchfangkehrer kam dann auch back und füllte insgesamt drei Säcke.
Du alter Sack.
Ja, das bin ich auch.
Und der Inhalt von meinem Sack ist auch keine fünfzehn mehr.
Ganz voll füllte er die drei Säcke nicht.
Die stülpte er irgendwie ineinander.
Dann fragte er mich noch, ob der Rauchfangkehrer letztes Jahr da war.
Ich wusste das aber nicht mehr genau.
Anhand der vielen Asche dachte ich eher nicht.
Das kann aber auch die Asche vom alten Russen sein.
Nicht, dass seine Verwandten ihn in der Wohnung eingeäschert haben.
Das nicht.
Ist eher was Transzendentales.
Damit der alte Russe auf seiner letzten Reise nicht auch noch durch ein tiefes Tal schreiten muss.
Sie verstehen sicherlich.
Das sagte ich natürlich nicht zu ihm.
Ich sagte überhaupt nichts dazu zu ihm.
Er sagte zu mir:
„Wenn Sie verhindern wollen, dass wir sehr zeitig kommen und Ihnen das nicht passt, rufen Sie im Büro an und machen Sie einen Termin aus.“
Woraufhin ich antwortete: „Passt. Das nächste Mal so um 01:00 Uhr. Wenn Sie dann fertig sind, haben Sie noch drei Stunden zu schlafen, bevor Sie aufstehen."
Wir hatten uns zuvor kurz unterhalten, wie sein Tagesrhythmus so aussieht.
Anders als meiner.
Wir grinsten beide.
Es kommt ja nicht darauf an, wie du einem Menschen zuerst begegnest, sondern in welcher Stimmung dich dieser Mensch wieder verlässt.
Dich und diese ganze verdammte Welt.

Ende

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