Samstag, 9. Mai 2026
Ein alter Mann - wie ein gestrandeter Wal.
der imperialist, 12:58h
Die Geschichte ist wirklich schnell erzählt. Gibt's ja nicht. Doch. Ich muss nicht gegen meinen Verfall anschreiben in dieser Geschichte. Eben weil du im Leben nicht angeschrieben hast. Der Wortmacher.
Beim Hofer in der Bronx:
Ein alter Mann, dünn wie ein Zahnstocher, wollte eine kleine Pflanze kaufen. Die Kassiererin wollte sie ihm jedoch nicht mehr verkaufen, weil sie schon völlig abgenudelt war. „Ich kann Ihnen das nicht verkaufen“, sagte sie zum alten Mann. „Gucken Sie sich diese Pflanze doch an, so etwas können wir nicht mehr anbieten. Nicht einmal um 50 % billiger.“
Aber der alte Mann – noch immer dünn wie ein Zahnstocher – wollte das irgendwie nicht wahrhaben. Er kramte in seiner Hosentasche und holte sein letztes Geld heraus; alles in kleinen Münzen, bis hinunter zu den Ein-Cent-Stücken. „Scheiße“, dachte ich mir, „ist das schrecklich.“ Der Mann wollte eine Pflanze, die man wirklich nicht mehr verkaufen konnte – die hätte man ihm höchstens schenken können. Aber das wiederum war für die Kassiererin keine Option.
Er stand wortlos neben ihr an der Kasse. Er sah nicht so aus, als ob er Deutsch verstünde, und zeigte ihr einfach die Münzen in seiner offenen Hand. Er wollte unbedingt diese Pflanze haben.
Die war für ihn alles. In diesem Moment. Genau.
Das Gesicht des Mannes war völlig zerknautscht, aber die Pflanze in seiner Hand war noch zerknautschter. Er ging einfach nicht weg und blieb mit dem bisschen Kleingeld in der Hand neben der Kasse stehen.
Die Kassiererin, irgendwann ziemlich genervt, gab ihm die Pflanze schließlich zum halben Preis. Er hatte vier Cent zu wenig; die schenkte sie ihm. Mir tat der Mann aufrichtig leid. Als ich dann an der Reihe war zu zahlen, sagte ich zur Kassiererin: „Schrecklich. Das ist einfach nur schrecklich.“ Damit meinte ich nicht ihr Handeln, sondern einfach die gesamte Situation.
Sie nickte.
Ich bezahlte, verstaute meine Einkäufe im Rucksack und ging hinaus. Und draußen stand wieder der alte Mann mit seiner ruinierten Topfpflanze. Neben ihm stand eine Frau, die ihm gut zuredete, er solle sich doch eine andere Pflanze nehmen. Man möchte es nicht für wahr halten: Er stellte seine kaputte Pflanze zurück und nahm sich eine andere, die ebenfalls schon ziemliche Schlagseite hatte.
Ich konnte das nicht mehr länger mitansehen.
Ich riss ihm Pflanze fast schon aus der Hand, stellte sie zurück und griff nach der schönsten Pflanze, die dort unter den Topfpflanzen stand.
Tomaten. Es war eine Tomatenpflanze. „Komm, Oldtimer“, sagte ich zu ihm, „nimm diese Pflanze. Guck, die ist wunderschön. Die wird ganz sicher große, saftige Tomaten tragen.“ Dann klopfte ich ihm noch kurz auf die Schulter und ging weg.
Als ich mich auf mein Rad schwang, sagte ich zu mir:
„Jetzt habe ich den Timmy gemacht?“
Ende
Beim Hofer in der Bronx:
Ein alter Mann, dünn wie ein Zahnstocher, wollte eine kleine Pflanze kaufen. Die Kassiererin wollte sie ihm jedoch nicht mehr verkaufen, weil sie schon völlig abgenudelt war. „Ich kann Ihnen das nicht verkaufen“, sagte sie zum alten Mann. „Gucken Sie sich diese Pflanze doch an, so etwas können wir nicht mehr anbieten. Nicht einmal um 50 % billiger.“
Aber der alte Mann – noch immer dünn wie ein Zahnstocher – wollte das irgendwie nicht wahrhaben. Er kramte in seiner Hosentasche und holte sein letztes Geld heraus; alles in kleinen Münzen, bis hinunter zu den Ein-Cent-Stücken. „Scheiße“, dachte ich mir, „ist das schrecklich.“ Der Mann wollte eine Pflanze, die man wirklich nicht mehr verkaufen konnte – die hätte man ihm höchstens schenken können. Aber das wiederum war für die Kassiererin keine Option.
Er stand wortlos neben ihr an der Kasse. Er sah nicht so aus, als ob er Deutsch verstünde, und zeigte ihr einfach die Münzen in seiner offenen Hand. Er wollte unbedingt diese Pflanze haben.
Die war für ihn alles. In diesem Moment. Genau.
Das Gesicht des Mannes war völlig zerknautscht, aber die Pflanze in seiner Hand war noch zerknautschter. Er ging einfach nicht weg und blieb mit dem bisschen Kleingeld in der Hand neben der Kasse stehen.
Die Kassiererin, irgendwann ziemlich genervt, gab ihm die Pflanze schließlich zum halben Preis. Er hatte vier Cent zu wenig; die schenkte sie ihm. Mir tat der Mann aufrichtig leid. Als ich dann an der Reihe war zu zahlen, sagte ich zur Kassiererin: „Schrecklich. Das ist einfach nur schrecklich.“ Damit meinte ich nicht ihr Handeln, sondern einfach die gesamte Situation.
Sie nickte.
Ich bezahlte, verstaute meine Einkäufe im Rucksack und ging hinaus. Und draußen stand wieder der alte Mann mit seiner ruinierten Topfpflanze. Neben ihm stand eine Frau, die ihm gut zuredete, er solle sich doch eine andere Pflanze nehmen. Man möchte es nicht für wahr halten: Er stellte seine kaputte Pflanze zurück und nahm sich eine andere, die ebenfalls schon ziemliche Schlagseite hatte.
Ich konnte das nicht mehr länger mitansehen.
Ich riss ihm Pflanze fast schon aus der Hand, stellte sie zurück und griff nach der schönsten Pflanze, die dort unter den Topfpflanzen stand.
Tomaten. Es war eine Tomatenpflanze. „Komm, Oldtimer“, sagte ich zu ihm, „nimm diese Pflanze. Guck, die ist wunderschön. Die wird ganz sicher große, saftige Tomaten tragen.“ Dann klopfte ich ihm noch kurz auf die Schulter und ging weg.
Als ich mich auf mein Rad schwang, sagte ich zu mir:
„Jetzt habe ich den Timmy gemacht?“
Ende
... comment