Samstag, 22. Oktober 2011
Darwins Nightmare. Aus der überholte Ausgabe!
(der damalige Bawag Skandal könnte auch durch Lehmann Brothers, Finanz, Eurokrise und weitere Krisen ersetzt werden)

Veronika H., Mitte dreißig, attraktiv, Kommunikationswissenschaftlerin und jahrelang in einer großen Werbeagentur als Creative Direktorin tätig, jetzt selbstständig und nach dem X-ten gescheiterten Beziehungsversuch wieder einmal Single, saß mit guten Freunden in einem Fischrestaurant. Das Haus servierte eine Delikatesse. Gegrillter Viktoriabarsch mit allerlei Grünzeug, Bratkartoffel und selbst gebackenen Weißbrot. Das Essen schmeckte vorzüglich. Es war ein gelungener Abend. Trotz all dem Spaß, dem man vordergründig hatte, trübte der Bawag-Skandal, die ausgelassene Stimmung doch ein wenig. Veronika H., die ja selbst ein Konto bei dieser Bank hatte, hielt die größenwahnsinnige Gewerkschaftsbonzen und ihre krummen Machenschaften, für das Allerletzte. Ihre letzten Freund hielt sie auch für das Allerletzte. Nur der war auf dieser Ranglisten inzwischen von den habgierigen Gewerkschaftsbonzen, von der Spitze verdrängt worden. Diese aufgeblasenen Bankiers, ärgerte sich Veronika H., verspekulieren Milliarden und werden als Dank für ihr grenzenloses Versagen, mit Millionenabfindungen in die wohlverdiente Frühpension verabschiedet. Und erst dieser Werte Ex- Generaldirektor E., kassiert 3,6 Millionen an Abfertigung und Pensionsabgeltung, bekommt dann zum drüber streuen für sein Versagen, auch noch einen 300 000 Euro Job bei den Lotterien und wohnt in einem über 300m2 großen Penthouse über der Bawag-Zentrale, das seine Frau um läppische 470000 gekauft hatte, obschon dieser Palast über den Dächern Wiens, nach Angaben von Immobilien-Experten, das sechs bis acht fache wert sei. Das dieser Ex-Generaldirektor später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde und aus dieser, wegen Haftunfähigkeit, das Herz war der Grund, das schwache Herz, vorzeitig wieder entlassen wurde und jetzt wieder in Freiheit verweilt, konnte Veronika H. zu dem damaligen Zeitpunkt natürlich nicht wissen. Nur die gut 3 bis 4 Mrd. Euro, die unter Anleitung dieses Ex-Generaldirektors, an der Börse und etwas außerhalb dieser, sagen wir nicht gerade defensiv veranlagt wurden, sind bis heute natürlich nicht wieder aufgetaucht. Ein Zinsswap, auf die Entwicklung des japanischen Yen, soll der Grund für das Verschwinden der 3 bis 4 Mrd. Euro sein. Das die ganze Welt zu einem großen Kasino verkommen war, wollte Veronika H., die aus gut bürgerlichen Verhältnissen stammt, wo gewisse Tugenden, wie Fleiß, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Sparsamkeit, Ordnungsliebe und das Vertrauen in eine übergeordnete Ordnung, noch eine wesentliche Rolle spielten, einfach nicht wahr haben. Die Tatsache, dass sie selbst einmal Werbesprüche für Fertiggerichte kreierte, die ausnahmslos nur mit "natürliche Zutaten", zubereitet wurden, obschon jede Menge künstliche Geschmacksverstärker drinn waren, hinterließ bei Veronika H. merkliche Spuren. Diese elendige Heuchelei war auch der Grund warum Veronika H. diesen finanziell äußerst lukrativen Job hinschmiss. Aber immerhin, sagte sich Veronika H, wurde da noch Produkte beworben und verkauft, die real waren und an denen jede Menge Jobs hingen. Eine Gesellschaft, in der sich das Individuum die Gewinn einstreicht und die Verluste der Gesellschaft umhängt, nein das wollte Veronika H. nicht. Nachdenklich aß sie an ihrem Fisch, der im Übrigen vorzüglich schmeckte. Der war nicht nur gut sondern sagenhaft. Das Fleisch des Fisches saftig und nicht zu trocken und die Gräten konnte man an einer Hand zählen . Dem Zauber des beinahe himmlische Mahls konnte sich auch Veronika H. nicht entziehen. Mit dem werten Befinden ging es wieder bergauf. Und so nach wandte sich die Runde wieder erfreulicheren Dingen zu. Man scherzte, lachte über all die unglücklichen Beziehungsversuche und bei einem guten Glas Rotwein, klang der Abend einigermaßen versöhnlich aus. In leicht melancholischer Stimmung fuhr Veronika H. mit den öffentlichen Verkehrsmittel wieder zurück in ihre gemütliche 100 m2 Altbauwohnung, die sie schon zu 2/3 abgezahlt hatte. Dass sie für die Wohnung, auf anraten der Bank, einen endfälligen Fremdwährungskredit, in schweizer Franken aufgenommen hatte, versteht sich von selbst. Das sich dieser zu ihrem Nachteil entwickeln wird, konnte Veronika H. zu diesem Zeitpunkt natürlich auch nicht wissen. Immerhin hatte ihr der Kundenberater der BAWAG in die Hand versprochen, dass der Euro, einer der stabilsten Währungen, seit der Einführung der Münzwährung sei. Zu Hause schaltete sie noch kurz den Fernseher an. An sich sieht Veronika H. nicht sehr viel fern. Und wenn dann zu meist nur hochwertige Sendungen Auf Arte lief gerade ein Spielfilm über Abtreibungen im kommunistischen Rumänien. Da sie aber schon gut den halben Film verpasst hatte, zappte sie sich durch die Programme, bis sie auf ORF 2 hängen blieb. Da wurde welch Zufall gerade über den „Viktoriabarsch“ gesprochen. Das ist doch dieser köstliche Fisch, dachte sich Veronika H., der uns heute bei Marcos im Fischrestaurant serviert wurde. Während es sich Veronika H. in ihren Polstermöbel gemütlich machte, erzählt eine Stimme, dass dieser köstliche Speisefisch beinahe Grätenfrei ist und vor gut drei Jahrzehnten im Victoriasee ausgesetzt wurde. Nach ein paar Jahren stellte sich heraus, das dieser Viktoriabarsch, nicht nur ein vorzüglich schmeckenden Speisefisch ist, sonder in unbehandelten Zustand, dazu neigt, ein selten gefräßiger und beinahe unersättlicher Raubfisch zu sein, der fast den ganzen übrigen Fischbestand im Viktoriasee ausrottete. Dadurch wurde das ökologische Gleichgewicht nachhaltig zerstört. Tonnenweise wird dieser Fisch nach Europa und Asien exportier und ist Tansanias wichtigstes Exportgut. Und da die Fabriken, in denen der Fisch zum Transport weiterverarbeitet wird, europäischen Richtlinien entsprechen müssen, um in die EU exportieren zu können, wird der Viktoriabarsch von der EU subventioniert. Und das geschieht mit den Steuergelder der Nettozahler, zu denen auch Österreich gehört. In der nächsten Szene der Dokumentation, schleppte sich eine ausgemergelte Frau und an Aids erkrankte Frau, die nichts Essbares mehr bei sich behalten konnte, durchs farbige Bild. In dieser Tonart ging es weiter. Drei junge Frauen, die der Prostitution nachgingen, weil die Umstände sie dazu zwangen, sprachen von ihren Erfahrungen und von ihrer Freundin, die von ihrem australischen Freier umgebracht wurde. Kinder, größtenteils Waisenkindern, deren Eltern an Aids zu Grunde gingen schnüffelten Klebstoff, der das Hungergefühl lindert und beim Einschlafen hilft. Diese hochgiftige Brühe beschafften sich die Kids durch Einschmelzen des Verpackungsmaterials, in das der subventionierte Fisch gepackt wird. Vom Klebstoff high schlafen die Kinder einfach auf den Straßen. Vergewaltigungen sind dann keine Seltenheit. Erschüttert und entsetzt starrte Veronika auf den Bildschirm. Sie sah Fischköpfe, an denen nur noch die Gräten hingen und aus deren Augen Maden hervorkrochen. Auf Pfählen und von Fliegen und Vögel umschwirrt wurden diese mit Maden übersäten Fischköpfe aufgehängt. Und von diesem Dreck ernähren sich die Menschen, die nicht in den Fischfabriken arbeiten. Wie ihr dieser Fisch jetzt kredenzt wurde, schlug ihr schwer auf den Magen. Schlagartig wurde ihr spei übel. Gerade so schaffte sie es noch auf die Toilette, wo sie den gegrillten Viktoriabarsch mit allerlei Grünzeug, Bratkartoffel usw. wieder heraus kotzte. Das die Flugzeuge angeblich wieder mit Waffen aus Europa nach Tansania zurückkehrten bekam sie gar nicht mehr mit. Niedergeschlagen und völlig fertig legte sie sich ins Bett. Am nächsten Tag saß sie gerädert und im Gesicht bleich wie eine Dermatologin hinter dem Schreibtisch ihres Büros. An konzentrierte Arbeit war bei Leibe nicht zu denken. Andauernd hatte sie das Bild eines mit Maden übersäten Fischkopf vor ihrem geistigen Augen. Dieses Bild bekam sie einfach nicht mehr aus ihrem Kopf. Zu allem Überdruss gesellte sich zu diesem Sinnbild von Armut und Ungerechtigkeit auch noch die Frage wie ihr das nur passieren konnte. Ihr einer aktiven Globalisierungsgegnerin und Umweltschützerin, die so gut wie immer darauf achtete „fair Trade Produkte zu kaufen, den Müll gewissenhaft trennt, in der Stadt so gut wie immer auf das Auto verzichtet, gegen die Agrarsubventionen der EU eintritt und für Schuldenerlässe der dritten Weltstaaten demonstrierte. Veronika H. fühlte sich schuldig. Und immer wenn Veronika H. sich schuldig fühlt und Angst bekommt von diesem Gefühl erdrückt zu werden, schnappt sie sich ihre Handtasche und geht von der Neubaugasse, in der ihr Büro liegt, einfach die paar Schritte in die Mariahilferstraße hinauf, die eine der belebtesten Einkaufsstraßen Wiens ist. Wahllos stürmte sie in so ziemlich jedes Geschäft. Keine zwei Stunden später hatte sie ihre Kreditkarte mit gut 3 500 Euro belastet. Vollgepackt mit Einkaufstüten schleppte sie sich zurück in ihr Büro. Als sie das Ausmaß dieses Desasters sah, kullerten die ersten Tränen über ihre Wangen. Ihr letzter Kaufrausch lag jetzt gut ein Jahr zurück. Ein Jahr, in denen sie intensiv mit ihrer Therapeutin an ihren Schuldgefühlen gearbeitet hatte. Gefühle die irgendwann in der Kindheit entstanden waren, als ihr die Mutter, in einem Anfall ohnmächtiger Wut, die haltlose Behauptung an den Kopf warf, wenn die Kinder nicht wären, hätte sie sich schon längst umgebracht, weil sie das Eheleben und diese herrische Schwiegermutter, die ihr andauernd vorhielt, das sie von einer einfachen Magd abstammte und deswegen für ihren Sohn einfach nicht gut genug war und es auch nie sein wird, da könne sie sich noch so anstrengen, einfach nicht mehr ertragen könnte. Veronika H begann hemmungslos, zu weinen. Es wären bittere Tränen der Enttäuschung, weil sie gedacht hatte, ihre Kindheit ein für allemal aufgebarbeitet und weit hinter sich gelassen zu haben. Nach dem sie sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt hatte, griff sie zu ihrem Handy und rief ihre Therapeutin an, um ihr den Vorfall zu schildern. Die zeigte sich keineswegs entsetzt sondern meinte das so ein Rückfall schon einmal vorkommen könnte, aber wenn sie möchte, könnte sie in einer Stunde vorbeikommen, um darüber zu reden. Veronika H. erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden. Der Therapeutin kam der Rückfall Veronika H. nicht ungelegen, weil ihr ein Patient, der unter schizoiden Schüben litt und deswegen wieder einmal in die Psychiatrie eingeliefert wurde, zwangsläufig abgesagt hatte. Das die Therapeutin, bei Veronika H. die positive Prognose wagte, und von einer vollkommen Genesung der Patientin ausging, steht natürlich in keinen näheren Zusammenhang mit der Tatsache, das Veronika H. Privatpatientin ist. Keine Stunde später betrat Veronika H. die Praxis ihrer Therapeutin. Zerknirscht und mit sich selbst hadernd rutschte sie auf ihren Stuhl unruhig hin und her. Während sie so dasaß und ungeduldig wartete, lief im Radio gerade die Werbung und via Lautsprecher, die über ihren Kopf hingen, sagte eine angenehme Frauenstimme „geht es der Wirtschaft gut, geht es und allen gut“, die österreichische Wirtschaftskammer". Der Slogan stammte nicht aus Veronika H. Feder.

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Sonntag, 16. Oktober 2011
Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt
Der heute 79 jährige Japaner Isac Wada, wurde 1945 in einem Selbstmordkommando dazu ausgebildet, sich in einem mit Sprengstoff beladenen Holzboot auf die amerikanische Feinde zu stürzen. Zumeist schlugen diese Kamikazeaktionen fehl, da sie von den amerikanischen Kanonenbooten und Zerstörer zuvor einfach abgeschossen wurden.
Doch bevor Isac Wada zu seinem finalen Einsatz in (s)ein Holzboot stieg, öffnete sich der Bombenschacht der „Enola Gay“. 43 Sekunden später explodierte die Atombombe „little boy“ 600 Meter über der japanischen Stadt Hiroshima.
Deswegen wurde nichts aus Isacs Wada Selbstmordkommando. Er wurde umgehendst nach Hiroshima abkommandiert, zu Aufräumarbeiten.

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Der letzte Anarcho
Noch ein Frühwerk des Meisters. Wiederum aus dem Zyklus: Kann nichts, bin nichts, will nichts.

Ich bin ein scheiß Anarcho.
Worüber ich nicht besonders stolz bin.
In meinem ersten Gedicht stand:
Ich bin die Gegenbewegung der Gegenbewegung der Gegenbewegung, der…
Ich bin das durchgeschnäuzte Taschentuch, das der Wind die rostigen Gleise entlang treibt.
Dazu gehören, das kann ich nicht. Die Insel auf der ich lebe ist so groß wie ein aufgeweichter Bierdeckel und duftet entsprechend.
Ich kann mich weder anpassen, noch einfügen, noch einigermaßen anständig benehmen. Da ich sowieso früher oder später aus der Rolle falle, habe ich sorgsam wie ich bin, gleich für früher entschieden.
Bin ich in Gesellschaft mutiere ich ungewollt zum Nonkonformistin.
In einer Gruppe von Autonomen würde ich Rudolf Hess als einzig wirklichen Antifaschisten beschwören.
Und müsste ich bei den Glatzen, alkoholgeschwängert, auf unschuldige Wirtshaustische einprügeln oder im gepflegten Salon, braune Scheiße in Zigarrenrauch aufgehen lasse, kein Geringerer als der große Erich Mühsam wäre mein Zeuge.
Oh, wär ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. ¬
Das seid ihr Hunde wert!
All die Bücher habe ich wahrscheinlich nur aus einem Grund gelesen.
Mit Wissen kann ich meine Ausweglosigkeit einigermaßen kaschieren und muss niemanden mehr ins Gesicht spucken, wie ich das als Kind tat.
Die Einsamkeit deswegen reicht für zwei Herzschlagleben ist aber auszuhalten.
Den Kampf dagegen habe ich schon vor Jahren verloren.
Wehmütig starre ich manchmal zu denen hinüber während ich sie mit Spott bewerfe.
Meine Ausweglosigkeit hat der Verzweiflung darüber das Maul gestopft.
Weil niemand mehr da ist, der sich mit mir anglegt, stehe ich an manchen Tagen, in Opposition zu mir selbst vor dem Spiegel, schneide Grimassen und zeige mir die Zunge.
Wenn mir das zu blöd wird schreibe ich Sätze wie diesen:
Ich bin die Gegenbewegung der Gegenbewegung der Gegenbewegung, der….
Ich bin das durch zugerotzte Taschentuch das der Wind über die verrosteten Gleise treibt.

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Freitag, 14. Oktober 2011
Wenn die guten Geister für immer gehen
Er war ein Kleiderschrank von einem Kerl mit wettergegerbten Gesicht
und Händen groß wie Pranken.
Valentin genannt „Volte“ der Tunnelwart vom Loibl.
Er war das Licht dieser Röhre. Dieser Tunnel war sein Kind.
Ohne dem Volte kann ich mir den Loibltunnel nicht denken.
Nur der Volte war in der Lage mit den Toten aus dem KZ, die den Tunnel erbauten, zu sprechen.
Nur er konnte in dieser toten Röhre unbeschadet wandeln.
Ausnahmslos nur der Volte konnte mit all den Leichen in aller Ruhe eine filterlose A 3 rauchen und ihnen erzählen, das neue Tage ins Land gezogen sind und es denn Mördern wieder blendend geht.
Nur der Volte hatte diese gütigen Augen, die mich als Kind immer anlächelten und nie bei Seite schoben.
Einmal bin ich ihm als Kind beim überqueren der Straße beinahe in sein Motorrad gerannt.
Ist noch einmal gutgegangen. Den Männer wie der Volte haben einen Schutzengel. Auch wenn sie nicht daran glauben.
Wie ein Geist verschwand er Tag für Tag im ausgehöhlten Bauch des Berges, wo im Sommer, die Luft dermaßen nach Abgasen stank, dass besorgte Mütter die Autoscheiben schon nach ein paar Metern hurtig nach oben kurbelten, weil sie Angst hatten zu ersticken.
Dem Volte hat das nichts ausgemacht.
Am späten Nachmittag, wenn der Hardy und ich, gleich neben dem Tunnel Fußball spielten, spuckte ihn der Berg wieder aus.
Plötzlich stand er neben uns, eine Zigarette im Mundwinkel, die Schaufel geschultert und lächelnd. Das Rauchen hat er dann irgendwann doch noch sein gelassen.
Er war ein Mann der Berge.
Ein wortkarger Haudegen der dort oben, zwischen der Selenica, der Märchenwiese und der Vertatscha jeden Stein kannte. Ein windisches Urgestein im allein sein geübt und obendrein ein feiner Mensch wie man bei uns zu sagen pflegte.
Der Volte war ein feiner Mensch. Der hielt nichts von spießbürgerlichen Ansichten und kleinkarierten Gedanken.
Das Wort Schaufensterbummel kannte der nicht.
Nur so ein harter Knochen wie er konnte die hässlichen und saukalten Winter im Tunnel aushalten.
"Volte die heutigen Sesselfuzzis und Dauerläufer, ich halt sie nicht aus".
"Wird schon", hätte der Volt geantwortet, "wird schon".
Gestern schrieb mir mein Vater, das sie dem „Volte“, letzte Woche in Windisch Bleiberg die letzte Ehre erwiesen haben.
Ich bin hier in Wien Volte. Mehr als diese Worte kann ich dir auf deiner letzten Reise nicht mitgeben,
2002 führte der ÖAMTC einen großen Tunneltest durch. 30 Tunnel wurden getestet.
Der Loibltunnel erhielt das Prädikat „schwarzes Loch im Berg“.
Wen wundert’s.

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Nur noch eine Manfred Geschichte
Zu jener Zeit, als sich dieses epochale Ereignis zutrug, ging es dem Manfred gesundheitlich noch recht gut. Seine Beine waren noch nicht so dick angeschwollen, der Rotlauf war auch einigermaßen unter Kontrolle und die Hepatitis C, mein Gott die Hepatitis C. Wie die Sonnenblumen in einem Van Gogh Gemälde sah er noch nichts aus. Der Manfred jobbte damals in der Videothek gleich bei mir um die Ecke. Wenn mir der Irrsinn schon den Morgen vergällte und die Paranoia aus mir eine Marionette machte, schaute ich schon am frühen Vormittag beim Manfred in der Videothek vorbei. Vormittag war nicht viel los und man konnte sich ungezwungen unterhalten. Voraussetzung war natürlich dass die Wirkung des Methadons beim Manfred schon etwas nachgelassen hatte und ich mir meinen Tag nicht mit einer zusätzlichen Dosis Neuroleptika erschwerte. Der Fachausdrück , für das außerordentliche Einnehmen von Neuroleptika, wegen inneren Verwerfungen und weiterer Unpässlichkeiten, lautet "aufsatteln". Methadon und Neuroleptika, oder weniger charmant zugedröhnt und aufgesattelt, das ist ein störrischer Gaul denn keine Sprache der Welt zu reiten vermag. Waren wir aber so halbwegs ansprechbar, stand einer angeregten Diskussion nichts im Wege. Gut tat der Unterhaltung bisweilen auch, das sich noch ein dritter Diskutant zu uns beiden hinzugesellte. Der war Alkoholiker. Ohne einer Dosen reinsten Gerstensaft in der Hand, gebraut natürlich nach einer jahrhundertealten Tradition, habe ich diesen guten Mann nie gesehen. Vor dem ersten Bier stockte seine Sprache noch etwas. Aber nach der ersten Dosen, die er mit einen Schluck verdrückte, kam seine Sprachmaschine mächtig in Fahrt. Über was wir uns da s unterhielten? Schwer zu sagen, weil mir so ziemlich jede konkrete Erinnerung an diese Gespräche fehlt. Da müsste ich schon das Prinzip des Ausschließens bemühen. Innenpolitische Themen erweckten unser Interesse nicht wirklich. Ich kann mich nicht erinnern, je die Videothek je mit den Worten, "diese, unsere, deine und meine Republik ist ja moralisch vollkommen verwahrlost", betreten zu haben. Nie hörte ich mich sagen, "Buwog, Polizeifunknetz, die Telekom, die Inseratenaffäre und die Kursmanipulationen an der Börse, damit ein paar Fat-Cats zu ihren Bonis kamen. Dieses Land ist ein einziger Sündenpfuhl". Darauf der Trinker entsprechend empört, "ja und erst unsere Parteienfinanzierung. Die Kontroll- und Prüfinstanzen, sind ein Witz und die Rechenschafts- und Offenlegungspflichten eine Farce. Eine große Staatsreform gehört da her und das bitte pronto". Hierauf der Manfred in den Chor einstimmend: "genau so ist es meine Herren. Landeshauptmänner die sich die Bundesparteien wie einen lästigen Wurmfortsatz halten und niemand wagt es der ihre Besitzansprüche, die sie uns als Föderalismus verkaufen, auch nur irgendwie einzudämmen. Daraufhin wieder ich: "diese elendigen Parvenüs, kriegen ihren Hälse einfach nicht voll usw.". Das die Gespräche in diese Richtung liefen und wir zum Schluss die Frage nach der Unabhängigkeit der österreichischen Justiz erörterten, da die Staatsanwälte gegenüber dem Justizminister weisungsgebunden sind, kann ich heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Außenpolitische Themen wurden auch eher selten zur Sprache gebracht. Der Trinker sagte nie sichtlich erregt und getroffen, "es ist eine Schande was sich da in Syrien zuträgt. Der Baschar al-Assad und seine korrupten Schergen, prügeln und quälen Kinder zu Tode, schießen auf Frauen, Alte und unbewaffnete Männer und die Welt schaut zu, weil Syrien im Mittleren Osten, geostrategisch eine so bedeutende Rolle spielt. Der Manfred einschwenkend: "Was sich da vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu trägt ist unerträglich. Eine Schande ist das. Unsere Weltenlenker, vor dem Iran, Syrien und der Hisbollah scheißen sie sich reihenweisein die Hose". Daraufhin Ich anschließend: "diese Nasrallah, wenn dem der Turban verrutscht, blutet der ganze Libanon und die Israelis wissen auch nicht mehr was sie jetzt tun sollen, wo dem Mubarak auch nichts besseres mehr einfällt, als sich hinter einer dicken Glasscheibe, auf einer Bahre auszuruhen". Der Trinker: "Doch Siedlungen bauen das können die Israelis, damit ihnen bald das ganze Westjordanland gehört". Wieweit das jetzt antisemitisch war, was der Trinker da nie sagte, stellte sich somit nicht. Was ich noch so weiß ist, das der Manfred, so gut wie immer ein aufgeschlagenes Buch vor sich liegen hatte. Über den Inhalt seiner Bücher sprachen wir eher selten, weil ich diese Bücher für völligen Mist hielt. Völlig abstruse Sience Fiktion. "Manfred" sagte ich immer, " was du da immer für einen Scheißdreck zusammen liest, das gibt es doch nicht". Das ist das Schöne, wenn man gewillt ist, sein Leben am untersten Rand der Gesellschaft anzusiedeln. Man muss niemanden unnötig Honig um den Mund schmieren, weil jedes Wort das man irgendwann von sich gegeben hat, zu irgendeinen Zeitpunkt, auf die Goldwaage gelegt werden könnte und wenn es schlecht rennt, für nicht Werthaltig befunden wird. Wenn ich meine Kommentare absonderte lachte der Trinker immer. Der Trinker lachte überhaupt viel und gern. Aber nie vor dem ersten Bier. Ganz viel zu lachen hatte er wenn mich der Manfred mit dem Codewort "und" nach meinen werten Befinden fragte. "Der Hitler ist an allem schuld", war die Standardrechtfertigung, für meinen Untergang. Der Hitler war dann für einige Zeit der Running Gag. Ja der Hitler ist an allem Schuld und schon lachten wird aus unseren rotgeränderten, traurigen und verlebten Augen. An was ich mich noch recht lebhaft erinnere, ist mein Eindruck, dass der Manfred gern einen auf dicken Kerl machte. Das war in Anbetracht seiner Lebenssituation sehr komisch. Gut über einen Toten der sich nicht mehr zu wehren weiß kann man leicht herziehen. Eigentlich war es wie immer wenn Männer aufeinander treffen. Erst einmal wird die Größe der Eier abgemessen. Auch wenn wir schon lange keine mehr hatten. Wer von uns dreien bezieht die höhere staatliche Zuwendung, wäre schon eine eigenartige Art die Größe der Eier festzustellen. Oder wessen Organe werden früher den Geist aufgeben. Egal. Trotzdem liegt es in der männlichen Natur, vor anderen Männer nicht als totaler Schwachkopf oder Verlierer dazu stehen. In so einem unterschwellig geführten Battle, versuchen die mit Hirnschmalz gesegneten Männchen, ihre intellektuellen Fähigkeiten zur Schau zu stelle. Der Rest der Spezies macht auf Erfolg oder Bizeps. Der Trinker gab sich unberechenbar und gefährlich. Was bei der Länge seiner Vorstrafenliste auch gut zu ihm passte. So einen Mann die Frage zu stellen, warum er andauernd erwischt wird, geziemt sich nicht, aber das verstehst sich von selbst. Der Manfred wiederum hatte etwas von einem unnahbaren Buissnes-Man an sich , garniert mit einen Hauch von Scarface. Und ich machte einen auf verwegenen Abenteuer mit hintergründigem Intellekt. Auch wenn meine Abenteurer in letzter Zeit vor allem darin bestanden, in der Nacht im Tablettentaumel , nicht die ganzen Toilette voll zu pissen. Wenn wir mit dem "Adi" durch waren und der Manfred mich mit seinem "und" prüfte, antwortete ich mit "Schuldig euer Ehren. Im Sinne der Anklage schuldig" und schon hatten wir wieder was zu lachen. Über Filme, was ja sehr naheliegend ist wenn man in einer Videothek herumhängt, redeten wir gerne. Da konnten wir alle drei mit sachdienlichen Hinweisen glänzen. Zu Filmen fiel uns immer was ein. Während wir also so herum standen, über Filme redeten und uns geschlossen unwohl fühlten, kamen auch ganz normale Leute in die Videothek, die Filme ausborgten und wieder zurückbrachten. Viele , wie schon angemerkt, waren das zu der recht frühen Stunden noch nicht. Das schien auch einen Mann ganz gut in Konzept zu passen, der immer mit seinem Kumpel in die Videotheken kam, der im Rollstuhl saß und ganz offensichtlich ziemlich plemm plemm war. Dem sein Kopf hing immer seitlich weg, die Hände hatte er auch nicht wirklich unter Kontrolle und angesabbert war er auch. "Oh" sagte der Manfred, "der Herr Kommerzienrat und sein Adjutant der Spastie sind auch wieder da". Der Herr Kommerzienrat gesellten sich nie zu uns um mit uns die Probleme dieser Welt, wie zum Beispiel die jetzige Finanzkrise, nicht zu erörtern. Nein der hatte ganz andere Interessen. Die wahre Leidenschaft des Herr Kommerzienrat war nämlich das reichliche Inventar des Pornokammerls. In Videotheken gibt es für die Erwachsenenfilme ja immer einen eigenen Raum, der ganz dezent durch einen Vorhang gekennzeichnet wird. Seinen Lebensgefährten, den Adjutanten,, ließ der Herr K. während seines Ausflug in die Welt der Erotik unbeaufsichtigt zurück. Der Rollstuhl stand dann mitten in der Videothek. Der Adjutant, allein und auf sich gestellt, fuchtelte dann etwas mit seinen unbeaufsichtigten Ärmchen herum und quietschte leise, wenn nicht sogar vergnügt vor sich hin. Der Kommerzienrat hingegen war unüberhörbar. Der war so eine Art Maulwurf und die Erde die er zu durchwühlen hatte waren die leeren VHS und DVD Hüllen. VHS war damals im Abverkauf. Während wir uns unterhielten und die Tiefe unseren Wunden ironisch umschifften, schwappten seltsame Laute aus dem Pornokammerl, über die Trennwand zu uns herüber. "Was ist denn mit dem Besten da drinn los?" fragte ich den Manfred. "Der grunzt ja wie a Sau". "Warte nur", antwortete der Manfred a bisserl angewidert, " nur noch ein paar Minuten und dann wichst sich der Herr Kommerzienrat, da drinnen lautstark einen herunter". "Du machst einen Scherz oder". "Nein", antwortete der Manfred, "der holt sich da drinnen wirklich einen herunter". "Und da unternimmst du gar nichts?". "Geh ist doch mir scheiß egal wir haben eh eine Putzfrau". Und wirklich. Das Grunzen ging schön langsam in ein lautes Gestöhne über". "Der ist so pleite", erklärte mit der Trinker, während er eine frische Dose öffnete, "der schaut sich die Covers an und dann schabelt er drauf los". Ich wollte das eben gehörte nicht ganz glauben. Nur die Töne aus dem Erwachsenenfilmeberich waren zu eindeutig und deswegen leicht zuzuordnen. "Hey du alte Sau"; rief der Manfred ins Pornokammler. " warte ich nur wenn ich dich erwisch, dann schneid ich dir einen kleinen Pimmel ab". Der Trinker nahm eine leere Dose und warf sie über die Trennwand. Nach dem der Kommerzienrat, der Geräuschkulisse nach, abgedrückt hatte, stürmte er aus dem Kammerl auf seinen Lebensgefährten zu, wirbelte den Rollstuhl samt Inhalt herum, das es den Spastie nur so durchrüttelte und stürmte fluchend aus der Videothek. "Na ist das ein Wichser oder ist das ein Wichser", sagte ich lachend zum Manfred und zum Trinker. "Der kommt sicher nie mehr wieder". Da fingen sie beide zu lachen an.

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