Mittwoch, 11. März 2026
Noch so ein scheiß Wrack
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„Wiener Kaffeehaus-Tempo“: Wenn man den Text mit der nötigen Ruhe und dem Fokus auf die Zwischentöne genießt, sollte man sich 6 Minuten Zeit nehmen.

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Jetzt haben meine Texte schon Zwischentöne. Das ist ganz neu. Mir wäre das nicht aufgefallen.

Endlich kann ich wieder mit dem Radl einkaufen fahren. Der hat ja nix anderes. Stimmt. Ich huste nicht mehr wie ein Hund, der in Dauerschleife bellt. Das Wetter ist auch prächtig. Und wie es das Leben so spielt, bin ich gleich bei der ersten Ausfahrt dem Radl-Hermann begegnet. Nach Monaten wieder einmal. Ich fahre im Winter nicht mit dem Radl wie der Hermann. Eben weil ich ihn so lange nicht gesehen hatte, wollte ich ihn per Handschlag begrüßen. Ist Old School. Aber der Radl-Hermann legt auf so viel Intimität keinen Wert. Er reichte nur seine Linke rüber. Sich so weit herzudrehen über sein Radl, dass sich auch die Rechte ausgeht, wollte er nicht. So eng sind wir auch nicht. Das fand ich nicht so schön. Man kann sich doch per Handschlag begrüßen und kurz in die Augen gucken, wenn man sich länger nicht gesehen oder gesprochen hat. Das ist doch keine Hexerei. Oder doch?

Nachdem ich ihn gefragt hatte, wie es ihm in der Zwischenzeit so ergangen sei, kam er direkt auf den Punkt: Er habe Probleme mit seiner Wohnung. Neuer Eigentümer. Jetzt muss er 200 Euro mehr Miete bezahlen. Nicht schön. Da soll schon wieder ein alter Mieter hinaussaniert werden. Die Frage, ob er es sich noch leisten kann, im Gasthaus Mittag zu essen, stellte ich ihm nicht. Ohne Getränk. Der Radl-Hermann trinkt im Gasthaus nie etwas. Ein Getränk kann oder will er sich nicht leisten.

Ich fragte ihn, warum er als überzeugter Sozi in den letzten 35 Jahren nie eine Gemeindewohnung beantragt hat. Seine Pension sei um ein paar Euro zu hoch. Deswegen gehe sich eine Gemeindewohnung nicht aus. Das glaubst du wohl selber nicht. So ein Schmarren. Für eine Gemeindewohnung in Wien darf ein bestimmtes Netto-Jahreseinkommen nicht überschritten werden, wobei die Grenzen je nach Haushaltsgröße gestaffelt sind. Für eine Person liegt sie bei ca. 61.280 € (ca. 4.377 € monatlich, 14-mal). Der Radl-Hermann war Krankenpfleger von Beruf. So viel verdient man als Krankenpfleger auch wieder nicht. Er anscheinend schon. Hätte ich 14-mal ca. 4.377 € monatlich, würde ich mir keine Sorgen wegen der Miete machen. Sie etwa? Wen meinst du mit Sie? Geht das schon wieder los. Und sein neuer Mietvertrag sei nur befristet. Auf 15 Jahre befristet. „Wie? Und das bereitet dir Sorgen?“, fragte ich ihn. Scheiße, du bist 68. Noch einer, der glaubt, selbst die Ewigkeit überleben zu können.

Gemeindewohnungen werden personenstandsgerecht vergeben. Das heißt, dass pro anrechenbarer Person maximal ein Wohnraum vergeben wird. Viel mehr als 35–40 m² bekommst du als Einzelpersonenhaushalt nicht, wenn du eine Gemeindewohnung beantragst. Der Radl-Hermann wohnt aber größer. Egal. Ich wollte das Thema nicht vertiefen. Und der Radl-Hermann redete dann eh sofort übers Eis.

Die Donauinsel wird im Winter nicht von der MA 48 (Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) bewirtschaftet. Der Schnee bleibt dann einfach liegen. Es war dem Radl-Hermann also eine Zeit lang zu eisig. Das war ihm ganz wichtig zu erzählen. Mir war es schon beim Gehen zu eisig. Und zu kalt. Und überhaupt hätte ich es gerne warm. Ich bin mehr der Typ Strandleben. Nur halt ohne Portfolio. Sonst geht es ihm wie immer prächtig. Wie gehabt fährt er mit seinen bald 68 Jahren Schlangenlinien. Weil er so langsam radelt. Mit einem schrecklich gequälten Ausdruck im Gesicht. Wegen der Anstrengung oder wegen dem Leben an sich.

Bevor sich der Radl-Hermann ein E-Bike zulegt, fällt er lieber tot vom Radl. Möglicherweise hat er auch für ein E-Bike zu viel Pension, spotte ich jetzt beim schreiben. „Wie geht’s deinem Sohn?“ Die Frage lag mir auf der Zunge. Sein Sohn, ein Ex-Junkie, war im Sommer auf einmal abgängig. Der war telefonisch nicht mehr erreichbar für den Radl-Hermann. Nur nimmt sich der Radl-Hermann jeden Sommer immer eine Auszeit vor seinem kaputten Sohn. Im Sommer will er seine heilige Ruhe haben. Stattdessen quält er sich lieber in der Hitze über die Insel in Schlangenlinien. Einmal ist er nicht gefahren. Da hatte es 38 Grad. Ich fuhr da auch nur die ganz kurze Runde zum Einkaufen.

Dabei ist der gesundheitliche Mehrwert auch bei einem E-Bike gegeben. Studien zeigen, dass E-Biker sich im Alltag häufiger und über längere Distanzen bewegen als Nutzer herkömmlicher Fahrräder, da die Hemmschwelle bei Steigungen oder Gegenwind sinkt. Die motorisierte Unterstützung fungiert nicht als Ersatz für Anstrengung, sondern als Regulator: Sie glättet Belastungsspitzen und hält den Puls konstant im idealen aeroben Bereich, was die Fettverbrennung fördert und das Herz-Kreislauf-System schont. Messbare Effekte wie ein deutlich reduziertes Risiko für Herzinfarkte und Krebserkrankungen sowie eine Steigerung der allgemeinen Fitness sind bei regelmäßiger Nutzung vergleichbar mit dem Training auf einem klassischen „Bio-Bike“, wobei das E-Bike zusätzlich durch seine Gelenkschonung punktet. Nur halt nicht beim Radl-Hermann.

Egal. Mit dem normalen Radl ist er gut vier Stunden unterwegs. Wenn du in vier Stunden eine Strecke von 40 Kilometern zurücklegst, bist du mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h unterwegs. Dann fährst du Schlangenlinien. Genau. Sei es wie es sei. Das geht einen wie mich nichts an. Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Aber das stimmt nicht ganz. Mich hat eine herrschaftliche Dame zu einem Rucksack bekehrt. Ich war ja mehr der Typ Plasticksackerl am Lenker. Sie hatte einfach recht. Ein Rucksack ist viel praktischer. Dabei fuhr ich mit dem Sackerl am Lenker keine Schlangenlinien. Heute gibt es eh keine Plasticksackerl mehr. Und Papiersackerl am Lenker, das ist nix. Das kann dir reißen, sobald’s zu schwer wird.

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Der Radl-Hermann hatte nichts von seinem Sohn gehört. Wie, seit Ende Sommer? Die Frage verkniff ich mir. „Der geht nicht ans Telefon“, antwortete der Radl-Hermann. „Der ist nicht erreichbar.“ Jetzt, wo du 200 Euro mehr Miete zahlst, geht sich ein Essen mit deinem Sohn im Gasthaus eh nicht mehr aus. Wahrscheinlich hebt er deswegen nicht mehr ab. Natürlich sagte ich das nicht zum Radl-Hermann. Warum soll ich ihm eine mitgeben? Der hat mir doch nix getan. Ich dachte mir das auch nicht. Das denke ich mir erst jetzt beim Schreiben. Ist wie speiben in die Stauden. Das auch, ja.

„Wenn dein Sohn tot wäre, dann hätten sie dich ja eh verständigt“, sagte ich tatsächlich. Der Radl-Hermann zuckte nur angewidert mit den Schultern. Es war gespenstisch, wie er da Schlangenlinien fahrend mit seinen schmalen Schultern zuckte. Aber das war sein Schulterzucken letztes Jahr auch schon. Der Vater-Sohn-Komplex. Sehr kompliziert. Ich fragte auch nicht nach, warum er nicht mal persönlich nach seinen Sohn guckt? Aber ansonsten geht es ihm wie immer prächtig. Er fragte mich noch, ob ich im Winter mit dem Radl unterwegs war. Das ist dem Radl-Hermann sehr wichtig: einen jüngeren Kerl zu fragen, ob der auch bei schlechtem Wetter fährt. Und wenn der diese Frage dann verneint – was ich regelmäßig mache, weil es die Wahrheit ist –, scheint er aus dieser Verneinung sehr viel Lebenskraft zu ziehen.

Ich war also nicht unterwegs. Aber krank war ich. Von einem viralen Infekt habe ich direkt rübergesetzt zu einer bakteriellen Infektion der Nebenhöhlen und der Atemwege. „Ich bin in den letzten zwei Wochen um zehn Jahre gealtert“, jammerte ich. Mit einem Lächeln im Gesicht. Ich jammere prinzipiell nur lächelnd. Das Jammern ist ja nur ein oberflächliches Klagen. Das machen fast alle so, die länger in Wien leben und nicht den Entschluss fassen wegzuziehen. Ins ländliche Salzburg zum Beispiel. Dort ist ein Kind mit Deutsch als Muttersprache auch kein Alien. Wie pflegt der hiesige Bildungsminister und Wiener NEOS-Chef Christoph Wiederkehr in der „Presse“ zu sagen: „Deutsch? Das ist kein Wahlfach.“

Woraufhin der Radl-Hermann antwortete: „Aber uns geht es ja gut.“ Wie gut? Mir ging es eben doch nicht so gut. Ich war doch eben erst auf dem Weg der Besserung. Egal. Kurz sah ich rüber in Radl-Hermanns gequältes Gesicht. Der macht ein Gesicht, wie es meine Schreibe ist, dachte ich mir. Dann fragte mich der Radl-Hermann noch, ob ich noch zum Einkaufen radle. Natürlich. An dieser Stelle der Unterhaltung hätte ich mit dem Radl-Hermann noch übers Wetter reden können. Aber Wetter spare ich mir lieber für den Goadafther auf. Ich will das Wetter als Thema nicht überstrapazieren. Da muss schon die Qualität stimmen. Genauso wenig will ich mein Mindsetting überstrapazieren. Der Radl-Hermann sticht meine inwendige ganz locker aus. Dafür muss ich dem nur ins Gesicht sehen. Was der aber eh für keine so gute Idee hält, wenn der dir nur seine Linke rüberreicht.

Mit den Worten „Danke, Radl-Hermann, für die Unterhaltung“ verabschiedete ich mich. Ich sagte auch nicht. Nix für ungut Radl-Hermann. Aber bei 10 km/h am Radl bekomme ich einen depressiven Schub. So langsam kann ich nicht radeln. Das schaffe ich nicht. Bevor ich nur noch mit 10 km/h radeln kann, lege ich mir lieber ein E-Bike zu. Egal. Der Radl-Hermann möchte ja vier Stunden lang unterwegs sein. Und das am liebsten ungestört. Das füllt den Radl-Hermann aus. Das ist sein Ding. Genau. Ob der in diesen vier Stunden auch mal an seinen kaputten Sohn denkt? Natürlich sagte ich nichts davon zum Radl-Hermann. Ich bin ein Kleinstbürger mit Fassade. Ich sagte nur: „Servus, Radl-Hermann.“ Es hat mich gefreut, sagte ich auch nicht zu ihm. Im Zuge unserer Unterhaltung war meine Freude, ihn zu sehen, wie gewohnt verflogen. Wie ein debiler Storch. Ja. Aber das ist ja auch nichts Neues.

Nachdem ich mich gefühlt aus dem Staub gemacht hatte, dachte ich mir: Ich werde keine Radl-Hermann-Gespräche mehr anleiern. Die sind mir einfach zu düster. Diese Düsternis spare ich mir lieber für meine Schreibe auf. Die Härte soll man sich ja sowieso lieber für die Kunst aufheben. Und nichts fürs leben.

Wie Trump und seine Berater die iranische Reaktion auf den Krieg falsch eingeschätzt haben
Im Vorfeld des US-israelischen Angriffs spielte Präsident Trump die Risiken für die Energiemärkte als kurzfristiges Problem herunter, das die Mission zur Enthauptung des iranischen Regimes nicht überschatten sollte. Quelle: 📰

Trump führt Krieg – die Märkte stehen im Mittelpunkt
Präsident Trump demonstrierte erneut seinen Wunsch, die Aktienmärkte hochzuhalten, als er andeutete, dass die US-Angriffe auf den Iran bald enden könnten. Quelle: 📰

Es ist Krieg -Menschen sterben - und die Märkte stehen im Mittelpunkt. Bei einem Angriff auf eine Mädchenschule kamen laut iranischen Staatsmedien mindestens 175 Menschen ums Leben.
Videos und Bilder, deren Echtheit von der New York Times bestätigt wurde, zeigten, dass mindestens die Hälfte der Schule zerstört wurde. Es war zunächst unklar, warum die Schule angegriffen wurde und von welchem ​​Land das Feuer eröffnet worden war. In anderen verifizierten Videos ist zu sehen, wie Rettungskräfte einen abgetrennten Arm aus den Trümmern bergen. Am Unglücksort, wo sich zahlreiche Menschen zwischen Krankenwagen und Rettungskräften versammelt hatten, lagen Leichensäcke für die Opfer.
Aber die Märkte stehen weiterhin im Mittelpunkt.
Das klingt fast so, als würde der Radl-Hermann über seinen kaputten Sohn reden.

Ende

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